Bergsteigen im wilden(?) Kaukasus
von Thomas Kober
Vorwegnehmend möchte ich klarstellen, dass es mir nicht ansteht, Empfehlungen auszusprechen oder gar Risiken für andere einzuschätzen. Ich möchte eine persönliche Einschätzung abgeben über einen höchst eindrucksvollen, erlebnisreichen Urlaub, einen Monat vor den Ereignissen von Beslan, zur Zeit des Zwischenfalls von Nazran.
Die Westalpen sind mir im August bekannt dafür, dass man keinesfalls auf den Gipfeln vor Einsamkeit umkommt. Aus Gründen der Flugzeit wollte ich in diesem Urlaub aber in Europa bleiben. Da bot sich doch der höchste Gipfel Europas an, der Elbrus.
Ach ja, dann wollte ich noch ein wenig Abenteuer, keinesfalls eine der Bergtouren, die, von der Stange angeboten doch wieder mit Anstehen am Gipfel verbunden sind. Und ich wollte es damit verbinden, eine mit unbekannte Region zu erkunden. Aufgrund meines knappen Zeitbudgets vor dem Urlaub wollte ich jedoch in jedem Fall auf die Planung und die Ortskenntnis Erfahrener zurückgreifen. Und – es sollte eine durchaus sportliche Veranstaltung werden, eine, in der ich meine Ausrüstung, meinen Komfort und meine Verpflegung selber trage.
Alexis präsentierte in unserem Vortreffen ein professionell gemachtes Video über seine Spezialität, die Elbrus-Besteigung, das in unserem Gespräch jedoch weitgehend im Hintergrund lief. Mich interessierte viel mehr, wie er die Tour aufzog. Nach unserem interessanten Gespräch war ich überzeugt, das es das ist, was ich suchte. Eine gut geplante und geführte Tour, die mir das Gefühl gab, eher mit Freunden unterwegs zu sein als mit einem kommerziellen Veranstalter.
Mit dem von Alexis besorgtem Visum und Flugschein fand ich mich Freitags am Münchener Flughafen ein, um mit der Linienmaschine 3 Stunden nach Mineralje Vody zu fliegen. M.V. liegt noch in Russland, an der südlichen Grenze zu den teilautonomen Republiken Karbadino-Balkarien und Karatschja-Tscherkassien, die gemeinsam mit Russland und weiteren Teilrepubliken zu den assoziierten GUS-Staaten gehören. Der Linienflieger der Kaukasischen Fluglinie war eine Tupolew 155. Von außen solide russische Flugtechnik, von innen etwas nostalgisch. Die Flugeigenschaften souverän wie bei sehr vielen russischen Maschinen. Der Flieger war voll mit uns Fünf, einigen SUMMIT-Touristen und einer Menge Urlauber, die in ihre alte Heimat flogen, um den Urlaub dort zu geniessen.
Das Einchecken in Russland: 2 Stunden für ca. 100 Passagiere mit der Gründlichkeit, die ich aus den besten Zeiten des eisernen Vorhangs noch kenne. Hier nehmen es die Russen sehr genau, wen sie in ihr Land lassen. Die Plakate an den Wänden mit den verwegen aussehenden tschetschenischen Rebellen erinnerten mich an die RAF-Fahndungsplakate, die in den siebziger Jahren in allen öffentlichen Gebäuden in Deutschland hingen.
Ein kleiner Bus brachte uns Fünf,das Intourist-Hotel von Pjatigorsk, dem letzten größeren Ortes vor der kaukasischen. Das Hotel, ein sehenswerter sozialistischer Prachtbau, wie ich ihn aus Frankfurt/Oder, Chemnitz oder Leipzig kenne. Der nächste und übernächste Tag galt dem Kennenlernen der Stadt mit ihren Heil- und Kureinrichtungen aus zaristischen Zeiten, die ich so europäisch nicht eingeschätzt hätte. Pjatigorsk, eine Stadt mit ca. 200.000 Einwohnern, Universität, Heil- und Kureinrichtungen und Menschen, die ein sehr urbanes Leben führen, mit Flaniermeile, Strassencafes ließ ein lockeres Urlaubsgefühl aufkommen.
Alexis übernahm dankenswerterweise die nicht unaufwändige Prozedur, uns für den Aufenthalt im Elbrusgebiet amtlich anzumelden. D.h. er kannte jemanden, der auch am Samstag, wie auch immer bereit war, die Stempelgewalt auszuüben.
Die Fahrt am nächsten Tag mit einem olivgrünen Kleinbus mit militärischem Minimalkomfort über 250 km auf einer unglaublich eindrucksvollen Strecke, die ich jedoch mit meinem Auto nicht hätte fahren wollen. Hier war bereits der erste Teil meines Abenteuers, den ich nie in dieser Urspünglichkeit in Westeuropa in keinem Off-Road Event gefunden hätte. Ruslan, unser Fahrer meisterte dies in einer Souveränität, an der zu zweifeln mir nie in den Sinn gekommen wäre.
Dass Russland und die angrenzenden Teilrepubliken ihre Grenzsicherung ernst nehmen, merkten wir an einem Punkt eines Pfades, nachdem wir 2 Stunden durch menschenleere Berglandschaft gefahren sind. Aus einem Container kam ein mit Hausschuhen und Hosenträgern bekleideter Mann mit einer Kalaschnikow, der unsere Pässe zu sehen wünschte. Für mich als Schengen-verwöhntem Zenrtraleuropäer war dies eher amüsant. In dieser Situation fühlte ich mich bei Alexis und Sergej hinsichtlich der Verhandlungen der Übertrittsmodalitäten wieder bestens aufgehoben.
Die Fahrt endete auf einer Hochalm auf 2.600 m, neben adlerumkreisten Gipfeln, in Gehweite einer Hirtenbehausung. Auf den deftigen Weiden trieben die Hirten gerade mit ihren Pferden wie Cowboys die Schafe und Ziegen in den Pferch, um sie für die Nacht zusammen zu halten. Die Wiese, die Ruhe und das mitgebrachte Frischgemüse zum Abendessen war bereits der Grad an Naturerlebnis, den ich in vollen Zügen genoss.
Alexis und Sergej, sein Freund und zweiter Bergführer plauschten noch mit den Hirten, die sie natürlich gut kannten und vereinbarten unser opulentes Abendessen für die Rückkehr. Die relativ milde Nacht im Zelt war wohltuend. Die Bachdurchquerung am nächsten Morgen war bereits schon ein kleiner Vorgeschmack auf die kleinen Herausforderungen der kommenden Tage. Einen kleinen, netten Komfort für den Anfang mit unseren 25 kg Rucksäcken, wurde uns auch noch durch die Hilfe von 3 Packpferden für den ersten Aufstieg abgenommen. Wobei hier das Event und der Spaß die Hirten zu beobachten, wie sie die Riesenrucksäcke auf den Pferden befestigten, den Komfortcharakter bei weitem übertraf.
Der weitere Aufstieg auf 3.200 m erfolgte dann endlich mit selbst getragenem Rucksack bis zu einen mystischen kleinen Kessel unterhalb der Pilzfelsen, in dem wir unsere Zelte aufschlugen. Und wieder 6 Zelte ganz alleine in einem herrlichen Bergareal. Zur Akklimatisierung stiegen wir vor dem Abendessen immer noch einmal 200 m bis 300 m weiter auf und kehrten zum Schlafen zu den Zelten zurück. Auch eine Voraussetzung, die ich aus Zeitgründen gerne in Anspruch genommen habe, die Tour ohne Akklimatisierung starten zu können. Beim Anstieg zur Biwakschachtel auf ca. 3.800 m spürte ich die Höhe und den 25 kg Rucksack bereits etwas. Bei der kurzen Inspektion der wohnmobil-grossen Blechhütte war ich über das gute Wetter und mein Zelt sehr froh, obwohl ich bei Sturm keinen Moment gezögert hätte, das schützende Blechkleid zu nutzen.
Die nächsten Tage gehörten der Akklimatisierung bis auf 4.600 m und der Einrichtung unseres Sturmlagers, in dem wir – nomen est omen – 2 sehr windige Nächte verbrachten. Die –10°C am Morgen brachten mir vollends das Abenteuergefühl, das ich gesucht habe und mit Blicken in die gigantische Bergwelt belohnt wurde. In der Zwischenzeit hat uns die russische Bergsteigergruppe überholt, mit denen wir gemeinsam nach echt russisch-orthodoxer Bergmesse zum Jahrestag der 125 jährigen Erstbesteigung des Elbrus, Pjatigorsk verlassen hatten. Immer wieder war ich angetan von der unaufdringlichen Herzlichkeit der Menschen.
Nach weiterer Akklimatisierung stürmten wir den Gipfel, problemlos, bei bestem Wetter. Der Elbrus hat einen West- und einen Ostgipfel, wobei der Westgipfel der wirklich höchste Europas ist, ganze 30 m höher als der Ostgipfel. Zum Westgipfel führt eine Seilbahn bis auf 4.800m Höhe. Mit Pistenraupen kann der Alpinist auf Wunsch dem Gipfel noch ein paar hundert Meter ohne größere Anstrengung näher kommen. Den Rest erklommen an unserem Ostgipfeltag ca. 20 Seilschaften, die wir genüsslich zu sechst am Ostgipfel stehend – sich hoch quälen sahen. Und ich war wieder einmal froh, den alpinen Massentourismus aus der Ferne zu beobachten. Nach dem Abstieg zum Sturmlager entschlossen wir uns, weiter zur Biwakschachtel zu gehen, da wir nicht wussten, wie sich das Wetter verhält. Bei der Biwakschachtel angekommen bemerkte ich an meinem Appetit, dass ich an diesem Tag ca. 800 m aufgestiegen und 2000 m abgestiegen war. Am nächsten Tag sahen wir die Hochalm wieder, einschließlich der Rückmeldung an der Bergwacht-Basis und der Kontrolle durch die berittene Naturschutzbehörde, die unser Zurückkommen amtlich registrierte.
In den darauf folgenden Tagen genossen wir das Leben in Patjgorsk und mit einem Tagesausflug in das Dombai-Gebirge, wie schön das Seilbahnfahren bis auf 4.000 m sein kann. Das Dombai-Gebirge liegt in der Teilrepublik Karatschaja-Tscherkassien, einer Nachbarrepublik von Ossetien, ca. 150 km von Beslan entfernt.
Ein wirklich erlebnisreicher Urlaub mit genussvollem sportlichen Anreiz. Übrigens, ich war mit meinen 44 Jahren der Benjamin in unserer Gruppe.
Hinsichtlich der Sicherheit im Kaukasus stehe ich auf dem Standpunkt, dass ein Anschlag theoretisch jederzeit und überall stattfinden kann. New York, Madrid, Moskau, Djerba, Beslan, Sahara, Orte an denen ich Terroranschläge oder Entführungen erst einmal nicht vermutet hätte. Auf unserer Tour hatte ich, abseits von den Zentren des Elbrus-Westgipfel-Tourismus, größtenteils in der Einsamkeit der Berge, diesbezüglich keine Befürchtungen. Eher hatte ich das Gefühl, dass die offiziellen Stellen immer wussten, wer sich im Elbrusgebiet aufhält und die Ordnungsmacht präsenter ist als in Westeuropa.
Entscheiden muss es letztlich jeder selbst, wie gefährlich einzelne Länder sind. Das auswärtige Amt spricht hierzu offizielle Empfehlungen aus. Jede anspruchsvollere Bergtour hat eine Reihe von Gefahrenfaktoren und als Bergsteiger habe ich gelernt, bewusst damit umzugehen.






