Reisebericht einer Besteigung des Elbrus von Norden
Michael Graf, Kuppenheim
Nachdem ich einige Dreitausender und Viertausender in den Alpen, der spanischen Sierra Nevada und im Atlasgebirge in Marokko erfolgreich und was noch wichtiger ist mit fairen Mitteln, das heißt vor allem ohne motorisierte Aufstiegshilfen bestiegen hatte, reifte in mir der Entschluß, auch einen Fünftausender zu besteigen.
Mich reizte dabei die Gelegenheit, auch Gebirge außerhalb der Alpen kennenzulernen, außerdem wollte ich ausprobieren, ob ich so etwas auch schaffen kann. Dabei war es mir eigentlich egal, ob der Berg nun 5100 oder 5900 Meter hoch war. So begann ich letztes Jahr eine nähere Auswahl zu treffen, welche Berge eigentlich überhaupt in Frage kämen. Zum Schluß blieben vier Berge übrig: Der Kilimanscharo(5895m, Afrika), der Ararat(5165m, Türkei), der Kazbek(5047m, Rußland/Georgien) und der Elbrus(5621/5642m, Rußland).
Beim Kilimanscharo hatte ich Bedenken, wegen der vielen Krankheiten, die man sich in Zentralafrika zuziehen kann, zumal ich erlebt habe, daß selbst in Marokko ein gewisses Infektionsrisiko, vor allem mit fiebrigen Durchfallerkrankungen besteht. Die Besteigung des Ararat bietet fast jeder Veranstalter an, aber bei diesem Berg gefiel mir die Landschaft auf den Fotos nicht so gut. Auch die Elbrusbesteigung wird eigentlich überall angeboten, der Haken an der Sache ist aber, daß (fast) ausschließlich Besteigungen von Süden, mit Benutzung der dort befindlichen Seilbahn zu finden sind. Da aber das Erreichen eines Gipfels mit Hilfe der motorisierten Technik, wozu eine Seilbahn ja eindeutig zu zählen ist für mich keine Besteigung darstellt, kam dies für mich nicht in Frage. Zumindest ab dem Fuß des Berges sollten auch die eigenen Füße zum Hochsteigen benützt werden, und der Fuß des Elbrus beginnt im Süden in Terskol, im Norden in Dschily-Su. Daher hatte ich den Elbrus schon fast abgeschrieben. Übrig blieb also der Kazbek.
Dessen Besteigung wird aber nur von wenigen Veranstaltern angeboten. Schließlich fand ich aber doch einen, allerdings wäre der Flug von Wien ausgegangen. Dennoch nahm ich mir fest vor, diese Tour zu buchen.
Im Spätwinter durchforstete ich nochmals die Inserate der Reiseveranstalter im Alpenvereinsheft Panorama, dabei stieß ich auf Elbrus-Reisen.de, wo Alexios Passalidis in einer expeditionsartigen Tour die Besteigung des Elbrus von Norden, auf der Route der Erstbesteiger anbot. In unberührter Natur, und was für mich Bedingung war: Ohne Seilbahn, denn die gibt es auf der Nordseite nicht. Allerdings mußte auch sämtliches Gepäck selbst hochgetragen werden. Nachdem ich mit Hilfe mehrerer Emails, die ich mit Alexios Passalidis gewechselt hatte alle Unklarheiten beseitigt sah, buchte ich die Reise.
Der Elbrus ist ein Vulkan mit zwei Gipfeln, die fast exakt die gleiche Höhe haben. (5621 und 5642m) Der Berg war schon den alten Griechen bekannt, die ihn sahen, wenn sie mit ihren Schiffen das Schwarze Meer befuhren, auch hat der altgriechische Schriftsteller Herodot einiges über den Elbrus und den Kaukasus geschrieben. Auch der griechische Sagenheld Prometheus wurde, als Strafe dafür, daß er den Menschen das Feuer brachte an einen Felsen im Kaukasus gekettet, wo ihm ein Adler täglich die Leber aushackte, die über Nacht jedoch wieder nachwuchs. Angeblich war es am Kazbek, der ebenfalls ein Vulkan ist. Ob es ein Zufall war, daß der Feuerbringer ausgerechnet an einen Vulkan gekettet wurde, oder ob den Griechen die vulkanische Natur dieses Berges bekannt war, kann ich nicht sagen. Der Kaukasus erstreckt sich vom Schwarzen Meer zum Kaspischen Meer, auf einer Länge von etwa 1000 Kilometern in südöstliche Richtung verlaufend, etwa von Krasnodar bis nach Baku. Der westliche Kaukasus erstreckt sich bis zum Elbrus, danach folgt der Zentralkaukasus, wo sich im Bezengi-Gebiet, das auch Kaukasisch-Himalaya genannt wird fünf Fünftausender befinden, 13 Berge sind höher als der Mont Blanc. Östlich des Kazbek beginnt der Ostkaukasus, der keine Fünftausender besitzt. Der Kaukasus ist ein junges Gebirge, sogar jünger als die Alpen und befindet sich noch immer stark in der Hebungsphase. Daher sehen die Berge hier etwas wilder als in dem Alpen aus und es gibt keine breiten Täler. (Bild 072) Das Wort „Kaukasus“ kommt aus einer alten Sprache, vermutlich dem Griechischen und bedeutet „Die Diamantenen Berge“, da sie vom Meer aus gesehen mit ihren hellen Schneefeldern wie Diamanten funkelten. Neben dem Kazbek ist der Elbrus, der übrigens zu einem großen Teil oder sogar ganz aus einem sehr harten, dem Obsidian ähnlichen Gestein besteht, der einzige Vulkan im Kaukasus, Ausbrüche in geschichtlicher Zeit sind aber keine überliefert, was jedoch keinesfalls heißt, daß der Elbrus erloschen ist. Man bezeichnet ihn als „schlafenden Vulkan“. Zahlreiche, teils kohlensäurehaltige Mineralquellen und Fumarolen zeugen von vulkanischer Tätigkeit im Elbrusgebiet. Erstbestiegen wurde der Elbrus im Jahr 1829 von Killar Kaschirow, der den Östlichen Gipfel (5621m) erreichte, die Expedition wurde von einem General mit dem Namen Emmanuel geleitet.
Schon die ganze Zeit habe ich mich auf die Reise gefreut und mich durch Training und sorgfältige Auswahl der Ausrüstung vorbereitet. Besonders hartnäckig und intensiv habe ich jedoch daran gearbeitet, überschüssiges Übergewicht loszuwerden. Als ich im Februar auf die Waage stand, zeigte diese 86 Kilo bei einer Körpergröße von 1,83 Metern. Dies war für mich so etwas wie eine Kriegserklärung. Ich sah meinen Speck als persönlichen Erzfeind, der mit allen Mitteln bekämpft werden mußte. In deutlich weniger als drei Monaten hatte ich durch Sport und eiserne Disziplin beim Essen mein Gewicht auf 72 Kilo reduziert.
Immer wieder habe ich mich gefragt, ob ich es auch schaffen würde. Ella, meine liebe Frau war sich dagegen sicher, daß ich den Gipfel erreichen würde.
Am 17. Juni 2005 ging es endlich los. Noch vor Sonnenaufgang saß ich im Zug, der mich nach München brachte, wo ich am Flughafen die anderen Teilnehmer Hannelore, Sepp, Susanne und Emil kennenlernte. Emil kannte den Elbrus schon da er letztes Jahr schon dort war. Er war aus mir nicht bekannten Gründen auf etwa 5200 Metern umgekehrt und wollte es nach gründlicher Vorbereitung nochmals versuchen. Von München aus flogen wir mit einem russischen Flugzeug in etwa dreieinhalb Stunden Flugzeit nach Mineralnye Wody, wo wir uns zunächst längeren (unnötigen) Zollformalitäten unterziehen mußten: Paßkontrolle, die Frage, ob man wirklich der Inhaber des Passes ist wurde gestellt, wieviel Geld in welcher Währung man dabei habe, das Gepäck wurde durchleuchtet und Sepp mußte wegen ein paar Batterien, die wohl für Patronen gehalten wurden seinen ganzen Rucksack auspacken. Schließlich wurde man einzeln durch eine Tür gelassen, an der ein getarnter Wachmann stand. Dahinter befand sich eine Treppe, an der wir nun endlich von unserem Reiseleiter Alexios Passalidis empfangen wurden. Als alle Teilnehmer beisammen waren, fuhren wir mit einem Kleinbus nach Pjatigorsk, ins Hotel Intourist, wo wir nachdem wir die Zimmer bezogen hatten den Tag mit einem guten Abendessen ausklingen ließen.
Am nächsten Morgen konnte man bei strahlendem Sonnenschein den knapp 90 Kilometer entfernten schneeweißen Elbrus (Bild 003) vom Balkon unseres Hotels aus sehen, welches der einzige größere Plattenbau in der Stadt war. Auch die ganze Stadt Pjatigorsk war zu überblicken, von oben aus gesehen schien sie aus mehr Grün als Gebäuden zu bestehen.
An diesem Tag stand eine Stadtführung von unserem Reiseleiter Alexis, der hier geboren und aufgewachsen war auf dem Programm. Der Name Pjatigorsk bedeutet fünf Berge, eine Anspielung auf fünf in der Gegend befindlichen Lakolithen, das sind Vulkane, die nie wirklich ausgebrochen sind, mit Höhen zwischen 900 und 1500 Metern. Der Hausberg der Stadt ist der Maschuk, der 993 Meter hoch ist. Diese Berge bildeten sich, als der Kaukasus sich aufzufalten begann, wodurch in der Erde ungeheure Drücke entstanden, die zur Bildung dieser Berge führten. Als dann der Elbrus entstand ließ der Druck in der Erde nach, was die Ursache war, daß diese „Vulkane“ nie zum Ausbruch kamen. Behauptungen zufolge soll sich das Magma sogar so weit zurückgezogen haben, daß einige dieser Berge in ihrem Inneren Hohlräume besitzen sollen, ob dies aber tatsächlich stimmt konnte ich nicht in Erfahrung bringen.
So schauten wir uns die Stadt an, erledigten nebenbei einige Einkäufe, wie Gaskartuschen, Sitzkissen und dergleichen, Emil lud uns alle zwischendurch in eine Straßenkneipe zu einem Bier ein und Alexis erzählte über die Stadt.
Pjatigorsk wurde vor etwa 300 Jahren aufgrund seiner vielen heilsamen Mineralquellen gegründet. Es gibt hier über 50 Mineralquellen mit unterschiedlichen Heilwirkungen, außerdem etwas außerhalb der Stadt einen See mit Heilschlamm. Entdeckt wurden diese Quellen durch freigelassene verletzte Militärpferde.
In geschichtlicher Zeit gab es hier in der Gegend immer wieder militärische Auseinandersetzungen zwischen Russen und Türken. Die Russen ließen ihre verletzten Pferde frei, welche dann oft nach einigen Tagen wieder gesund zurückkamen. Als man der Sache auf den Grund ging entdeckte man dadurch die Mineralquellen, aus denen die Pferde tranken oder sich darin wälzten. Meist handelt es sich um Schwefelquellen mit intensivem Geruch, ein typisches Beispiel ist der Höhlensee Poval am Fuße des Maschuk. (Bild 014) Als ich davor stand, nahm mir die Schwefel- und vermutlich auch kohlendioxid- haltige sehr warme Luft den Atem und es dauerte eine Weile, bis ich mich daran gewöhnt hatte. Der See hat eine durchschnittliche Temperatur von 46°C und ist im Winter wärmer als im Sommer, da sich in der kalten Jahreszeit das Wasser, welches aus 7000 Metern Tiefe kommen soll nicht mit dem erheblich kühleren Oberflächenwasser vermischt.
Am Spätnachmittag kamen wir ins Hotel zurück. Da wir am folgenden Tag zu unserer Elbrustour aufbrechen wollten, war nun Gelegenheit, die Ausrüstung zu ordnen und das auszusortieren, was wir in der Stadt lassen wollten. Gegen Abend bekam jeder Teilnehmer von Alexis ein etwa fünf Kilo schweres Esspaket, das Essen für die nächsten 10 Tage, bestehend aus Früchten, Brot, Zitronen, Knoblauch, Süßigkeiten, Fisch- und Fleischdosen und vor allem Trockennahrung. Danach stellte uns Alexis unsere beiden einheimischen Bergführer Sergej und Schenja (Eugen) vor.
Tags darauf fuhren wir vom Hotel aus mit dem selben Kleinbus, der uns schon vom Flughafen abgeholt hatte los. Da der direkte Weg zur Nordseite des Elbrus in dieser Jahreszeit noch nicht befahrbar war, mußten wir einen Umweg durch das im Süden gelegene Baksantal nehmen, um von dort aus an unseren Ausgangsort Dschily-Su zu gelangen. Da das Wetter auch an diesem Tag gut war, sah man den gesamten Hauptkamm des Zentralkaukasus und Alexis zeigte und erklärte uns die einzelnen Berge und Regionen, wie Elbrus, Bezengi und Kazbek. Die Straße war noch sehr gut, allerdings öfter durch Kühe blockiert, vor allem auf Brücken. Das Milchvieh zeigte sich von den Autos nur wenig beeindruckt. Im Baksantal machten wir einen Halt in einer alten Bergwerksstadt, die zu Sowjetzeiten vom subventionierten Abbau von Molybdän und Wolfram (beide Metalle sind Stahlveredler) lebte. Gelohnt hat sich der Abbau nie, wurde aber wie bereits erwähnt bis zum Zerfall der Sowjetunion subventioniert. Seit diesem Ereignis sind die Bergwerke verlassen, lediglich die Löcher im Berg und jede Menge vor sich hinrostender Stahlschrott zeugen von besseren Zeiten. Von was die Menschen dort heute leben ist mir rätselhaft geblieben.
In der Stadt wurde unser Kleinbus nochmals aufgetankt, wobei Alexis erklärte, daß dieses Fahrzeug sowohl mit Gas, als auch mit Diesel betrieben werden konnte. Tatsächlich kann man an jeder russischen Tankstelle Gas tanken, was übrigens erheblich billiger als Benzin oder Diesel ist. Nach dem Tanken ging es weiter, wobei es aber gar nicht so einfach war, den Anfang des Weges zu finden, der nach Dschily-Su führen sollte. Schließlich half uns ein Einheimischer dabei. Er führte uns zu einem Tor, das aber erst geöffnet wurde, nachdem Alexis und unsere Bergführer die Torwächter, oder was immer die Männer auch waren, die dort standen dazu überredet hatten. Den Weg konnte man fast nicht als solchen bezeichnen. Er war mit kopfgroßen Steinen, Schlaglöchern, zerfetzten Stahlrohren und dergleichen mehr übersät, dazu kamen Rinnen, die das Wasser ausgespült hatte und die bis zu einem halben Meter, oder teilweise noch tiefer waren. Wäre das Auto in eine solche Rinne hineingefahren, so wäre die Fahrt unweigerlich zu Ende gewesen. Wir mußten mehrfach aussteigen und trotz des Allradantriebs hätten wir es fast nicht geschafft. (Bilder 022, 023, 024, 026, 029) Am Spätnachmittag gab es dann in einer schönen Landschaft auf einer saftig grünen Wiese ein herrliches landestypisches Mittagessen mit verschiedenen Brot- und Käsesorten, Gurken, Kartoffeln und jeder Menge würziger Kräuter, wie Petersilie und Dill.(Bilder 027, 028, 030, 031) Danach ging es weiter, wieder mußten wir mehrfach aussteigen, weil der Weg schlammig war, einmal mußte ein riesiger Stein aus dem weg ausgegraben werden, da er sonst den Boden des Fahrzeugs aufgerissen hätte. Ein längeres Stück, bis zu einem etwa 3000 Meter hohen Paß mußten wir wegen des miserablen Zustands des Weges zu Fuß gehen. Oben war aber ein schöner kleiner Bergsee und wir hatten eine gute Aussicht auf die umliegenden Berge, was uns für den Fußmarsch entschädigte. (Bild 032) Schließlich erreichten wir gegen Abend, nach etwa 60 Kilometern Schotterpiste, von denen wir den letzten wieder zu Fuß gehen mußten den 2360 Meter hoch gelegenen Ort Dschily-Su, von wo aus man den Elbrus aus nächster Nähe und in voller Größe sehen konnte. (Bild 033) Dschily-Su ist eine Ansammlung von drei oder vier Gebäuden, die von einem sehr freundlichen Nationalparkaufseher und hin und wieder von Hirten genutzt werden. In einem der Gebäude bekamen wir sogar Schlafplätze in richtigen Betten zugewiesen, allerdings waren die Matratzen so verdreckt, daß jeder sie mit einer Isomatte oder einer Luftmatratze abgedeckt hat. Geschlafen hat man darin aber sehr gut und es gab keine Flöhe. Selbstverständlich konnte man auch in seinem Zelt schlafen, aber von dieser Möglichkeit hat niemand von uns Gebrauch gemacht. Alexis zeigte uns an diesem Abend eine nahegelegene, stark eisenhaltige Mineralquelle, aus der man trinken konnte. (Bild 035) Dort wo das Wasser zu Tage tritt und im folgenden Wasserlauf war alles stark rostig und bei genauerem Hinsehen sah man Gasblasen aus dem Boden blubbern. Nach Aussage von Alexis betrug die Wassertemperatur etwa 22 Grad. Das Wasser hatte den typisch bitteren Eisengeschmack und etwas Kohlensäure. Da Eisen für eine vernünftige Höhenanpassung des Körpers absolut notwendig ist, war das eine willkommene Gelegenheit, etwaige Eisendefizite noch aufzufüllen. Zum Abschluß des Tages gab es ein sehr gutes russisches Abendessen und einen Begrüßungsschnaps, danach wurde noch Geschirr gespült, anschließend war Nachtruhe angesagt. Am Morgen, nach dem Frühstück meinte Alexis, daß es heute regnen könne. Als wir losliefen füllten wir unsere Wasserflaschen an der Eisenquelle nochmals auf. Das Gepäck, sowie Emil und Schenja wurden vom Nationalparkaufseher mit dem Geländewagen noch ein Stück hochgefahren, was jeden von uns 100 Rubel kostete, aber angesichts der extrem schweren Rucksäcke durchaus sinnvoll war. Eine Bachüberquerung bereitete keine Probleme, danach stiegen wir einen grasbewachsenen Bergrücken empor, dem Wagen mit unseren Rucksäcken hinterher. Schenja hatte unterwegs eine Flasche voll Ayran besorgt, wovon die meisten von uns begeistert waren, da ich aber vergorene Milchprodukte überhaupt nicht mag, habe ich nicht davon gekostet. Der Himmel hatte sich inzwischen zugezogen und es tröpfelte hin und wieder. Als wir unser Gepäck in Empfang genommen hatten, ging es zunächst etwa 100 oder 200 Meter steil bergab, was angesichts der weit über 20 Kilo schweren Rucksäcke eine ganz neue Erfahrung war. Unten wurde ein weiterer Bach überquert, eine kurze Pause gemacht, anschließend ging es wieder bergauf, bis wir ein Plateau erreichten, das wegen seiner enormen Größe von etwa zwei oder mehr Quadratkilometern „Flugplatz“ genannt wird. (Bild 038) Es wird erzählt, daß dort im zweiten Weltkrieg die Deutschen mit ihren Flugzeugen gelandet sein sollen, dies war aber nicht der Fall. Russische Flugzeuge sollen aber tatsächlich schon dort gelandet sein. Am Ende dieses Plateaus führte unser „Weg“ etwa 200 oder 300 Höhenmeter weiter bergauf, wobei wir das erste Schneefeld überquerten und schließlich einen ebenen, windgeschützten Kessel erreichten, der etwa die Größe von 10 Fußballfeldern hatte. Dort floß auch ein kleiner Bach, der den Kessel durch die einzige vorhandene Öffnung verließ. Ein Stück davon entfernt bauten wir etwa gegen zwei Uhr mittags in einer Höhe von etwa 3070 Metern unsere Zelte auf. (Bild 041) Kaum standen die Zelte, fing es auch schon an, richtig zu regnen. Der Regen dauerte bis zum frühen Abend, danach wurde das Wetter etwas freundlicher, so daß wir unser Abendessen zubereiteten. Bei Einbruch der Dunkelheit legten wir uns schlafen. In der Nacht schneite es ein wenig, da aber am nächsten Morgen die Sonne herauskam, taute der Schnee schnell wieder ab, und während unsere Zelte und Sachen im Sonnenschein trockneten, fotografierte ich ein paar Bergblumen. (Bild 044) Dabei stieß ich auf die Spur eines Wolfes oder was aber unwahrscheinlich ist eines verwilderten Hundes. Immerhin soll es ja in Rußland über eine Million Wölfe geben. Am gestrigen Tag hatten wir einige Murmeltiere gesehen, die aber alle nicht größer als ein Eichhörnchen waren. Alexis meinte, daß es hier auch keine größeren gäbe, wahrscheinlich handle es sich dabei um eine eigene Art oder Rasse. Auch Adler, Geier, Bären, Wölfe, Steinböcke und einige weitere Tierarten soll es im Kaukasus geben. Außer Greifvögeln haben wir jedoch keine größeren Tiere gesehen, lediglich einige Tage später sahen wir weiter oben bei der Biwakschachtel im Schnee die Spuren von mehreren Tieren, die etwa hasengroß gewesen sein mußten, es waren aber eindeutig keine Spuren von Füchsen oder Hasen. Vermutlich wird in diesem Gebiet auch gejagt, was vielleicht der Grund war, daß so wenige Tiere zu sehen waren.
Als wir am späten Vormittag unsere inzwischen trockenen Zelte abgebaut hatten, marschierten wir weiter bergauf. Über Schneefelder ging es weiter zu einer Hochebene, die auch „Mondplateau“ genannt wird, da es dort im Sommer nur größere und kleinere Steine gibt. (Bild 132) Nachdem wir das Plateau überquert hatten, schlugen wir nach etwa zweistündiger Wanderung unsere Zelte in einer Höhe von etwa 3440 Metern auf einer Seitenmoräne eines Gletschers auf, an der weiter unten wieder ein kleiner Bach vorbeifloß. (Bilder 050, 054) Da an diesem Lagerplatz ein starker Wind wehte, schützten wir unsere Zelte mit großen Steinen, die wir außenherum legten und zu kleinen Mauern aufschichteten. Am Spätnachmittag stiegen wir mit einem Teil unserer Ausrüstung, vor allem Essen weiter zu einer in etwa 3740 Metern Höhe gelegenen Biwakschachtel (Bild 082) auf, um die Sachen dort für den morgigen Tag zu deponieren. Auf dem Weg dorthin mußten zum erstenmal auch größere Schneefelder passiert werden, so daß Gamaschen nötig waren. Auch war die Höhe schon leicht zu spüren. Oben angekommen, wurden wir von einer russischen Gruppe und dem 23 – jährigen Hüttenwirt Roman sehr freundlich empfangen und mit Tee und Keksen bewirtet. Nach etwa zwei Stunden stiegen wir wieder in unser Lager ab, wo wir zum Abendessen Kartoffelbrei mit Karotten, Zwiebeln und rohem Knoblauch zubereiteten. Letzterer bekam Susanne aber nicht so gut. Der Wind hatte zugenommen und man sah ständig Windhosen über den Gletscher herunterkommen. Vor allem in der zweiten Nachthälfte stürmte es dann richtig. Wieder bauten wir am späten Vormittag unsere Zelte ab, wobei man vorsichtig sein mußte, daß im Wind nichts fortflatterte. Einmal nahm der Sturm das Überzelt von Hannelore und Sepp mit, das dann längere Zeit gesucht werden mußte, bis man es endlich fand.
Schließlich ließ der Sturm etwas nach und wir machten uns, nachdem wir alles abgebaut und auch die Steine wieder auf die beiseite geräumt hatten auf den Weg zur Biwakschachtel. Eigentlich war geplant, bis in eine Höhe von 3900 Metern aufzusteigen und dort zu zelten, da aber der Sturm wahrscheinlich nochmals aufleben würde, meinte Alexis, daß es besser wäre, unsere Zelte in der Nähe der Biwakschachtel aufzustellen, um für den Notfall eine Rückzugsmöglichkeit zu haben. Kaum waren die Zelte aufgebaut, ging der Sturm tatsächlich wieder mit voller Wucht los, so daß wir uns wirklich in die Schachtel zurückziehen mußten. Draußen jagte der Sturm unablässig Schneefahnen über die Felsen. Unsere Bergführer schätzten die Windgeschwindigkeit inzwischen auf über 130 Stundenkilometer und meinten, daß man die Zelte besser wieder abbauen sollte, da sie sonst fortgeweht werden könnten. Also bauten wir die Zelte mit viel Mühe wieder ab. Obwohl mein Zelt geschlossen war, hatte der Sturm durch feinste Ritzen schon eine Menge Schnee hineingeblasen, so daß es richtig schwer geworden war. Alexis hatte sich inzwischen bei der Bergwacht über Funk eine Wettervorhersage geholt und meinte, daß der Sturm noch heute und morgen andauern, sich aber dann legen würde. In der Biwakschachtel war der Lärm, den der Sturm verursachte enorm. Gegen Abend ließ er für etwa eine Stunde nach, so daß man einigermaßen ungestört nach Draußen gehen konnte, um die allernötigsten Sachen zu erledigen. In der Nacht ging er wieder mit voller Kraft los, einmal gab es einen sehr lauten Knall, vermutlich hatte der Wind weiter oben einen Steinbrocken ins Rollen gebracht, der nun gegen die Blechwand der Hütte krachte. In dieser Nacht hatte ich Höhenkopfschmerzen, die aber gegen Morgen des nächsten Tages wieder verschwanden. Der Sturm verschwand leider nicht. Die russische Gruppe, die heute eigentlich zum Gipfel aufbrechen wollte ist an diesem Morgen wegen des Wetters abgestiegen. Wir dagegen machten einen Akklimatisationsaufstieg zu den unteren Lenzfelsen in etwa 4550 Metern Höhe. Zunächst ging es bis zum ursprünglich vorgesehenen Lagerplatz in etwa 3900 Metern Meereshöhe. Dort machten wir eine Pause. Danach spaltete sich die Gruppe. Ich ging mit Sepp und Susanne, zusammen mit Bergführer Sergej, der früher sogar in der sowjetischen Nationalauswahl war. Er sprach ein paar Worte Deutsch, da er in seiner Militärzeit in Neustrelitz/DDR stationiert war. Da ich auch einige Worte Russisch spreche, war eine Verständigung möglich. Sergej war so fit, daß er den Gipfel sicherlich schon an diesem Tag geschafft hätte. Emil hielt sich an Alexis, während Hannelore mit Schenja weiter aufstieg. Erst wurde noch seilfrei gegangen, später seilten wir uns an, da weiter oben mit Gletscherspalten zu rechnen war. Obwohl fast ständig die Sonne schien, tobte der Sturm mit voller Wucht.(Bild 062) Inzwischen war die Höhe schon deutlich zu spüren. An einem kleinen Felsen, der einsam aus dem Schnee ragte, blieben wir stehen und warteten auf die Anderen. Nach einer Weile tauchten Emil und Alexis auf, aber es dauerte noch eine Weile, bis die beiden uns erreicht hatten. Danach wollten wir auf Hannelore und Schenja warten, Alexis vermutete aber, daß die beiden umgekehrt sein könnten, da es Hannelore heute nicht besonders gut ging. Als dann eine Wolke den Blick nach unten freigab, sah man tatsächlich zwei winzige Gestalten, die sich langsam auf die Biwakschachtel zubewegten. Wir stiegen dann noch weiter bis zum untersten der Lenzfelsen auf. (Bild 070) Damit hatten wir das heutige Tagesziel erreicht. Bedingt durch die Felsen hatte der Sturm eine noch höhere Geschwindigkeit als auf dem Gletscher.
Da mir der Wind Unmengen feinsten Schneepulvers ins Gesicht blies, mußte ich die letzten Schritte rückwärts aufsteigen, dennoch verklebte meine Gletscherbrille so stark, daß ich nichts mehr sehen konnte und mich deswegen mit den Schuhen im Seil verfing. Als ich die Brille gesäubert und mich wieder aus dem Seil befreit hatte, holte ich meine Wasserflasche aus meinem Rucksack, um zu trinken, dabei bemerkte ich, daß darin schon eine Menge Eisstückchen herumschwammen. Da wir wie schon erwähnt unser heutiges Ziel erreicht hatten, machten wir uns wieder an den Abstieg. Unten erzählte uns Hannelore, daß ihr in der Tat übel geworden war und sie Probleme mit der Höhe hatte. Daher wolle sie morgen nicht mitgehen, sie wolle anstatt dessen den Saustall in der Biwakschachtel entrümpeln und putzen. Hier haben einige unserer Vorgänger Sachen obengelassen, die sie besser wieder mitgenommen hätten. So befand sich an der Wand ein Regalbrett voller Lebensmittel, die meisten angebrochen, manche noch benutzbar, andere jedoch eindeutig verdorben. Es lag wohl nur an der Höhe und am Klima, daß sich hier noch keine Ratten oder Kakerlaken eingenistet hatten.
Die Biwakschachtel hatte aber auch ihre guten Seiten. So befand sich im Vorraum ein voll funktionierender Gasherd mit zwei Kochplatten, die man benutzen konnte und die Innentemperaturen waren angenehm, da die Wände gut isoliert waren.
Der Sturm hatte sich im Laufe des Tages gelegt und Alexis holte uns am Abend zu einer Lagebesprechung zusammen. Er meinte, bei Hannelore läge es wohl daran, daß sie zu wenig in die Berge gehe. Emil wollte er ab dem morgigen Tag zwei Nächte oben in den Lenzfelsen schlafen lassen, dann meinte er, könne Emil den Gipfel schaffen. „Sepp, Susanne und Michael“, meinte er, „Ihr könnt das auch von hier aus schaffen.“ Da bei mir die Höhenanpassung aber nur richtig funktioniert, wenn ich oben schlafe, oder zumindest sechs bis acht Stunden oben bleibe, meinte ich , daß es besser wäre, wenn ich ebenfalls oben schlafen würde. Alexis fragte, ob es ginge, daß wir zu dritt in einem Zweimannzelt schliefen, da er mein Zelt nicht für besonders geeignet hielt und man auch nur ein weiteres Zelt hochtragen sollte. Da ich, als wir einmal mit der Schulklasse am Rhein gezeltet hatten mit sechs!! weiteren Leuten in einem Dreimannzelt geschlafen hatte, während das andere Zelt daneben leer stand, sah ich dabei keine Probleme, und auch Sepp und Susanne waren damit einverstanden. Also wurde beschlossen, daß Emil zwei Nächte und Sepp, Susanne und ich eine Nacht in den Lenzfelsen schlafen würden.
Hannelore ging aus eigenem Entschluß nicht mit. Es gab dann einen Schnaps, Anlaß war die Tatsache, daß wir den Elbrus heute zum erstenmal richtig angegangen hatten. Gegen Abend lebte der Sturm nochmals auf, legte sich in der Nacht aber dann endgültig. Am nächsten Morgen stiegen wir also wieder auf, während Hannelore unten blieb und fleißig putzte. In unseren Rucksäcken hatten wir Proviant und Gas für mindestens zwei Tage, da wir damit rechnen mußten, möglicherweise einen Reservetag zu benötigen. Zunächst war es fast windstill, dann aber, auf einer geschätzten Höhe von etwa 4300 Metern kam von einer Minute auf die andere der Sturm wieder auf. Wieder erreichten wir die untersten Felsen. Trotz Rucksack, der deutlich mehr wog als am Vortag, fiel mir der Aufstieg erheblich leichter.
Wahrscheinlich war ich doch etwas besser an die Höhe angepaßt. Hinter einem Felsen in 4650 Metern Höhe erreichten wir einen geeigneten Lagerplatz. Wir schafften den Schnee beiseite und machten uns daran, in diesem Sturm das Zelt aufzubauen. Um es sicher zu verankern, benötigten wir eine Unmenge schwerer Steine, die wir aus der näheren Umgebung herbeischleppten. Während andere Leute auf dem Gipfel des Monte Rosa, des zweithöchsten Berges der Alpen sitzen und den Rundblick genießen befanden wir uns auf der gleichen Höhe und mußten hart arbeiten. Es war jedoch weniger anstrengend, als ich erwartet hatte. Schließlich stand unser Zelt (Bild 122) und wir halfen unseren Bergführern, das Ihrige aufzubauen. (Bild 121) Das Zelt von Emil konnten wir noch nicht aufbauen ,da eine Zeltstange vergessen wurde. Also schlief Emil in der folgenden Nacht in unserem Zelt, was kein Problem war, da wir sowieso an diesem Abend wieder abstiegen. Emils Zelt wurde am folgenden Tag 200 Meter weiter oben aufgebaut. Eigentlich wollten wir an diesem Tag noch ein Stück höher gehen, aber durch den Zeltaufbau hatten wir so viel Zeit verloren, daß wir uns gleich wieder an den Abstieg machen mußten. Auf der gleichen Höhe, auf der der Sturm begonnen hatte, hörte er auch wieder auf. Als die Biwakschachtel wieder erreicht war, stellten wir fest, daß dort eine Kolonne von fünf Bauarbeitern eingetroffen war, die dort einige Blechzelte zum Schlafen bauen sollten. Außerdem hatten sie den alten Holzofen und die Batterien herausgeschafft, aber wie Hannelore erzählte, auch innerhalb einer halben Stunde fast ihre gesamte Putzarbeit zunichte gemacht. Die Arbeiter hatten auch zwei schwarze Katzenbabys (Bild 080) und einen 13 Jahre alten Schäferhund (Bild 081) mitgebracht, der angeblich schon vier Mal auf dem Elbrus gewesen sein soll. Wie er das aber geschafft hat, ohne sich dabei eine Schneeblindheit zuzuziehen kann ich mir nicht erklären. Als der Himmel kurz vor Sonnenuntergang aufklarte, konnte ich noch ein Foto vom Elbrus in der untergehenden Sonne machen. (Bild 071) Der Chef der Baukolonne gab uns vor dem Schlafengehen von seinem selbstgemachten Schnaps zu probieren, der unheimlich stark war und nach seiner Aussage 60 Prozent hatte. Die Nacht verlief ruhig, wenn man davon absieht, daß des Öfteren zu hören war, wie ein leichter Nachtwind durch das Rohr des abgebauten Holzofens säuselte. Am nächsten Morgen ging es etwa um 10 Uhr los. Wenn ich nicht gesehen hätte, daß eine der beiden jungen Katzen versuchte, in das Loch meiner Isomatte zu krabbeln, die ich zusammengerollt auf den Rucksack geschnallt hatte, hätte ich sie wohl, ohne es zu merken bis ins Hochlager oder gar auf den Gipfel getragen. Als wir unseren Lagerplatz erreichten, war Emil schon weitergestiegen und baute in einer Höhe von ungefähr 4850 Metern zusammen mit einem Bergführer sein Zelt auf. Damit befand sich sein Lager nun höher als der Gipfel des Mont Blanc! Sepp, Susanne und ich richteten unser Zelt ein, aßen etwas, tranken Tee und schmolzen Schnee, damit wir genügend Wasservorräte für den morgigen Gipfeltag hatten. Da wir, Sepp, Susanne und ich heute Nacht zu dritt in einem Zelt schlafen würden, hatte mir Susanne für den heutigen Tag leider den Verzehr von Knoblauch verboten, was das Essen deutlich weniger schmackhaft machte. Nachdem wir mit den obligatorischen Arbeiten, wie Zelt einrichten, essen und trinken, sowie Schneeschmelzen fertig waren, machten wir uns auf, Emil zu besuchen dessen Zelt sich etwa 200 Meter weiter oben befand.. Die Höhe war zwar deutlich zu spüren, aber es ging noch ganz gut. Emil ging es ebenfalls nicht schlecht er hatte in der letzten Nacht gut geschlafen und war guter Dinge. Ich war gespannt, wie ich heute Nacht auf dieser in einer solchen Höhe schlafen würde. Da Susanne und ich noch ein Stück weitergehen wollten, fragte ich Alexis, der ebenfalls hier war, ob es in Ordnung wäre, wenn wir noch bis 5000 Meter Höhe weitergingen. Alexis hatte nichts dagegen und meinte, wir sollten die Spur für den morgigen Gipfeltag noch etwas verbessern. Also gingen Susanne und ich weiter. Wir hatten gerade etwa 4900 Meter erreicht, als wir einen Donner hörten. Zwar schien die Sonne, aber nördlich von uns türmte sich eine mittelgroße Wolke, aus der der Donner kam. Als es zum zweiten Mal donnerte, kehrten wir um, da wir beide wußten, daß ein Gewitter im Gebirge in Minutenschnelle herankommen und dann absolut lebensgefährlich werden konnte. Es bewölkte sich dann tatsächlich, donnerte aber nicht mehr. Anstatt dessen schneite es gelegentlich. Wir zogen uns ins Zelt zurück, kochten nochmals Wasser und legten uns danach Kopf an Fuß schlafen. Die Nacht verlief ruhig, und obwohl die Temperatur wohl Zehn Grad unter den Gefrierpunkt sank, war es mir ein wenig zu warm, was wohl auch darauf zurückzuführen war, daß ich in der Mitte lag. Ich war etwas nervös, weil ich mir nicht sicher war, ob das Wetter am folgenden Tag auch gut werden würde, ansonsten hebe ich aber den Umständen entsprechend gut geschlafen. Irgendwann denkt man ohnehin nicht mehr daran, auf welcher Höhe man sich befindet. Susanne erzählte, daß sie in dem engen Zelt etwas Platzangst gehabt hätte, tatsächlich hatte sie in der Nacht den Reißverschluß des Zelteingangs mehrmals geöffnet und geschlossen. Gegen halb fünf standen wir auf, schmolzen nochmals Schnee, um Tee zu kochen und erlebten dabei einen unvergleichlichen Sonnenaufgang, wie man ihn sonst wohl kaum irgendwo sehen kann, (Bild 086) sowie den Elbrus im Morgenlicht. (Bild 085) Gegen Sechs Uhr machten wir uns auf den Weg zum Gipfel. Alexis ging voran, Sergej hinterher. Nach etwa 100 Höhenmetern pfiff Sergej nach Alexis und es gab einen kurzen Halt, da es Susanne etwas übel geworden war, was wohl daran lag, daß das Frühstück nicht besonders reichhaltig war und wir viel zu schnell losliefen. Nach einer Pause bei Emils Zelt erholte sie sich aber vollständig und erstaunlich schnell. Wäre mir übel geworden, so wäre ich wohl keinen Schritt mehr weitergegangen, sondern umgekehrt und hätte nochmals geschlafen.
Irgendwie war das schon bewundernswert, daß sie trotzdem weitergelaufen ist, aber es hat sich ja auch gelohnt, da es ihr bald wieder gutging. Emil war mit Schenja schon früher losgegangen, so daß die beiden ein gutes Stück voraus waren. Als wir etwa 5000 Meter erreicht hatten, machten wir eine Pause. Ein Stück weiter oben konnten wir sehen, wie sich die Beiden langsam aufwärts arbeiteten. Die nächste Pause machten wir bei etwa 5200 Metern, wo wir Emil und Schenja dann trafen. Von nun an ging Sergej voraus. Ungefähr alle 100 bis 150 Höhenmeter machten wir eine kleine Pause. Ich begann schneller und tiefer durchzuatmen, was schon nach wenigen Schritten eine spürbare Erleichterung brachte. Schließlich erreichten wir in ungefähr 5600 Metern Höhe den Kraterrand. Von hier waren es zwar noch einige hundert Meter Wegstrecke bis zum Gipfel, aber fast keine Steigung mehr. Erst hier war ich mir absolut sicher, daß ich den Gipfel auch erreichen werde. Neben uns war eine Stelle, an der auf mehreren Quatratmetern Sämtlicher Schnee abgetaut und der Boden sogar teilweise trocken war,(Bild 101, rechts unten) eine Fumarole, wie Sergej uns erzählte, also eine Stelle an der warme vulkanische Gase aus dem Boden strömten, vermutlich Kohlendioxid, das Letzte, was wir hier oben, in der ohnehin schon sehr dünnen Luft brauchen konnten. Hier oben beträgt der Luftdruck noch knapp die Hälfte des Wertes in Meereshöhe, das heißt, es steht auch nur noch halb soviel Sauerstoff zur Verfügung.
Sepp, Sergej und ich beschlossen, auf Susanne zu warten, die unterwegs auf dem letzten Stück etwas langsamer gegangen war, und dann gemeinsam den Gipfel zu erreichen. Während wir warteten machte ich noch ein paar Fotos von Sepp und Sergej, sowie vom Nordgipfel, der sich hinter uns befand. (Bild 104) Susanne erreichte uns nach etwa 20 oder 30 Minuten. Wir gönnten ihr noch eine kleine Verschnaufpause, dann gingen wir los und erreichten nach einiger Zeit den Gipfel. Es war Sonntag, der 26. Juni 2005, 11Uhr 45 Minuten Ortszeit, das entspricht 9.45 Uhr Mitteleuropäischer Sommerzeit. Wir gratulierten uns gegenseitig, danach begann Sergej zu telefonieren, so daß es eine ganze Weile dauerte, bis wir damit beginnen konnten, Gipfelfotos zu machen. Auf dem Gipfel steht ein Dreibein aus Edelstahl mit russischen Inschriften.
Die Sonne schien und es war fast windstill, so daß wir lange oben bleiben konnten. Leider war der Blick nach unten größtenteils von Wolken versperrt, dafür war aber deutlich zu sehen, wie sich mehrere Seilschaften und auch ein- oder zwei Einzelpersonen auf den Westgipfel quälten. Allerdings ist vom Alleingang auf den Westgipfel abzuraten, da Spaltenstürze nicht völlig auszuschließen sind. Nach etwa einer halben Stunde traf Alexis ein und wir konnten uns nochmals freuen. Wir wollten auf Emil und Schenja warten. Nach einer knappen Stunde tauchte am Kraterrand eine Gestalt auf, verschwand wieder, tauchte wieder auf. Dies wiederholte sich ein paarmal.
Irgendwann rief diese Gestalt, es handelte sich dabei um Schenja „Idiom!“, das heißt „kommt her!“ Wir gingen darauf, nachdem wir über eineinhalb Stunden auf dem Gipfel verbracht hatten zurück zu Schenja, um zu sehen was er wollte. Kurz unterhalb des Kraterrandes stand Emil und machte Pause. Nachdem wir ihn nochmals etwas motiviert hatten ging er weiter in Richtung Gipfel. Susanne, Sergej und ich gingen nochmals mit und natürlich war auch Schenja dabei. Alexis wartete hier und Sepp machte sich an den Abstieg, da er inzwischen Kopfschmerzen bekommen hatte. Um 13.53 Uhr erreichte auch Emil den Gipfel, was eine beachtliche Leistung war, da er immerhin 69 Jahre zählte und dieses Jahr noch seinen 70. Geburtstag feiern wird. Er hatte vor wenigen Jahren im Pamirgebirge einen oder sogar mehrere 7000er erstiegen. Wir freuten uns alle für ihn, daß nun sein zweiter Versuch an diesem Berg von Erfolg gekrönt war, ein Erlebnis, das durchaus als genauso schön wie der eigene Erfolg einzustufen war. Auch ich war sichtlich erleichtert daß ich es geschafft hatte, denn da meine Frau Ella zuhause gesagt hatte, sie sei sich sicher, daß ich den Gipfel schaffen würde, fühlte ich mich etwas unter Erfolgsdruck gesetzt, was die Sache eher erschwerte als erleichterte. Daher wäre für mich der einzige akzeptable Grund für ein Scheitern schlechtes Wetter gewesen. Dieser Druck war nun weg, aber es hatte trotz des Drucks noch recht gut geklappt.
Der Wind hatte sich nun ganz gelegt und in der Sonne wurde es nun unerträglich warm, so daß ich Rucksack und Jacke ablegen mußte. Nach einigen Minuten machten wir uns dieses Mal endgültig an den Abstieg. Ich nahm Jacke und Rucksack wieder mit und es dauerte nicht lange, bis sich der Himmel mit Wolken zuzog und es zu schneien begann. Wir machten uns Sorgen um Sepp, der allein abgestiegen war. Immerhin konnte man in diesem Nebel die Orientierung verlieren und unsere Spuren vom Aufstieg waren auch keine Hilfe, da sie bald zugeschneit waren. Emil baute mit und Alexis sein Zelt ab, während ich mit den Sergej und Susanne zu dem unsrigen abstieg.
Sepp saß neben dem Zelt und empfing uns mit warmem Tee. Seine Kopfschmerzen hatten erst aufgehört, als er schon an Emils Zelt vorbei war. Wir bauten, nachdem wir Tee getrunken hatten unser Zelt ab, halfen dann Alexis, der inzwischen eingetroffen war, das seinige abzubauen, während Sergej, Schenja, Emil und Susanne schon sich mal an den Abstieg zur Biwakschachtel machten. Danach machten auch wir uns auf den Weg dorthin und erreichten die Schachtel gegen 19.00 Uhr oder 20.00 Uhr, das weiß ich nicht mehr genau.
Als wir ankamen, befand sich außer uns niemand mehr in der Biwakschachtel. Von Hannelore fanden wir einen Brief, in dem sie geschrieben hatte, daß sie wegen akuter höhenbedingter Beschwerden mit Roman nach Dschily-Su abgestiegen war, anscheinend war es wirklich ernst mit ihr gewesen. Die Bauarbeiter waren ebenfalls weg, den Hund hatten sie wieder mitgenommen, die beiden jungen Katzen aber dagelassen. Denen hatten sie vor der Hütte zwei Freßnäpfe hingestellt, die mit irgendwelchem undefinierbaren Zeug gefüllt waren. Nach dem Abendessen legten wir uns müde, aber glücklich schlafen. Leider haben uns die Katzen die ganze Nacht genervt, da sie bei jedem von uns versucht haben, in den Schlafsack zu schlüpfen.
Am nächsten Morgen packten wir nach dem Frühstück alle unsere Sachen zusammen und machten uns, nachdem wir noch ein Gruppenfoto gemacht hatten an den Abstieg.
Es ging zügig voran, war aber anstrengend, da unsere Rucksäcke immer noch sehr schwer waren. Wir erreichten bald den Lagerplatz, an dem wir unser zweites Lager errichtet hatten, ließen ihn jedoch links liegen, überquerten das „Mondplateau“ und näherten uns unserem ersten Zeltplatz. Der Abstieg über einige angetaute Schneefelder machte mit den schweren Rucksäcken einige Schwierigkeiten. Emil und ich hatten dort zwischen den Steinen jeweils eine Tüte mit Lebensmitteln deponiert.
Leider war Emils Tüte von irgendwelchen Tieren, vermutlich Nagern angeknabbert und der Inhalt bis zur Unbrauchbarkeit zerwühlt worden. Meine war bis auf zwei kleinere Löcher unversehrt, Sie enthielt Lachs und Sprotten in Dosen, sowie etwa eineinhalb Pfund Datteln, aus denen ich zuhause aus Gewichtsgründen die Kerne entfernt hatte.
Diese Tüte war aber genau das, was das Gewicht des Rucksacks nun fast unerträglich machte. Meine Schultern begannen zu schmerzen und ich hätte den ganzen Plunder am liebsten einfach fortgeworfen. Wir überquerten den „Flugplatz“, stiegen weiter ab, überquerten einen Bach und stiegen auf der anderen Seite ein Stück den grasbewachsenen Bergrücken hinauf, den wir vom hinweg schon kannten. Hier weideten inzwischen hin und wieder Schafe. Wir mußten einen weiteren Bach überqueren, und da dieser nun wesentlich mehr Wasser führte, als vor acht Tagen, blieb uns nichts anderes übrig, als Schuhe und Socken auszuziehen und barfuß durch das eiskalte Wasser zu waten, was aber angesichts des zuvor anstrengenden Abstiegs eine richtige Wohltat für die Füße war. Lediglich Sepp fand nach einigem Suchen eine Stelle, die es erlaubte, den Bach auch mit Schuhen zu überqueren. Unweit des Baches schlugen wir auf einer saftig grünen Wiese unsere Zelte auf. (Bild 140) Wir beratschlagten, ob wir für den Abend von den Hirten ein Lamm kaufen, schlachten und zubereiten lassen wollten, die meisten von uns waren dafür, es kam aber dennoch nicht dazu, da die Hirten erst heute hier heraufgekommen waren und noch anderweitig beschäftigt waren. Kaum waren wir mit dem Lageraufbau richtig fertig, begann auch schon der fast obligatorische Nachmittagsregen, so daß wir die meiste Zeit bis zum Abend in unseren Zelten verbrachten. In der Nähe gab es eine Mineralquelle. Ich fragte einen Hirten, der sein Häuschen in der Nähe hatte, wo diese denn genau sei, folgte seiner Schilderung und fand die Quelle neben dem Bach, unterhalb einer Wiese.
Auch diese Quelle enthielt reichlich Kohlensäure, es blubberten Gasblasen aus dem Boden und das Wasser, - oder sollte man besser Sprudel dazu sagen? – schmeckte hervorragend, enthielt aber im Gegensatz zur Quelle in Dschily-Su kein Eisen. Alexis war inzwischen nach Dschily-Su gegangen, um dort Hannelore abzuholen und den Aufenthalt in der Biwakschachtel zu bezahlen was ewig dauerte. Als die beiden schließlich zurückkamen, hatte Hannelore sich sehr gut erholt und erzählte den ganzen Nachmittag von ihren Erlebnissen. Sie hatte dort eine wahre russische Gastfreundschaft erlebt und sich mit der einzigen Frau in Dschily-Su angefreundet, die Swetlana hieß und etwa 40 Jahre war. Diese hatte sich anscheinend wie eine Mutter um Hannelore gekümmert. Da Swetlana keine Uhr besaß, hatte ihr Hannelore zum Dank die Ihrige geschenkt und dafür von Swetlana einen Silberring bekommen, den sie nun am Finger trug. Sie erzählte auch, daß es ihr oben auf der Biwakschachtel jeden Tag schlechter ging und sie zuletzt zu fast nichts mehr in der Lage war und nach Luft ringen mußte. Roman hat beim Abstieg ihr Gepäck getragen und ist später in seine Heimatstadt Kisslowodsk gegangen. Hannelore hatte sich dann gut erholt, in der Quelle gebadet und die Zeit genossen. Auch so etwas ist ein Erlebnis, das einem Gipfelerfolg durchaus gleichgestellt werden kann.
Gegen Abend hörte der Regen auf und in der Nacht gab es trotz der für die Gegend recht geringe Höhe von „nur“ 2560 Metern einen Nachtfrost. Am nächsten Morgen wurden wir von vorbeiziehenden Kühen geweckt, welche auf dem Weg zu den Bergweiden waren. Die kaukasischen Kühe haben zwar keine Kuhglocken, wie ihre Vettern in den Alpen, aber muhen können sie genauso lautstark. Als Besonderheit möchte ich hier erwähnen, daß es im Kaukasus neben den schwarz – weißen und braunen auch gelegentlich getigerte Kühe gibt, von denen man meinen könnte, sie seien eine Kreuzung zwischen Rindern und Sibirischen Tigern, wenn man es nicht besser wüßte. (Bild 137) Bis etwa 11Uhr machten wir Frühstück. Das Wasser aus der bereits erwähnten Quelle sprudelte herrlich im Topf, lange bevor es kochte. (Bild 142) Alexis zeigte uns den Pik Panorama, einen schätzungsweise 3000 Meter hohen Berg, direkt nördlich des Lagers, den er mit einigen Kameraden im Jahr 2002 erstbestiegen hatte. Man muß aber dazusagen, daß dieser Berg nicht seine einzige Erstbesteigung war. (Bild 136) Da an diesem Morgen die Sonne schien, konnte man nochmals den Elbrus sehen, wie er sich majestätisch über seine Umgebung erhebt. (Bild 143) Nach dem Frühstück machte Alexis sich auf die Suche nach einem Transportmittel für unser Gepäck. Der Weg war nämlich zu dieser Jahreszeit für den Bus, der uns an diesem Tag nach Pjatigorsk bringen sollte noch nicht durchgehend befahrbar, so daß wir ihm etwa 16 Kilometer entgegenkommen mußten. Inzwischen kam Sepp, der bei der Quelle am Wasserholen war mit einer leicht blutenden Wunde an der Hand ins Lager zurück. Als er versucht hatte, den Hund eines Hirten zu streicheln, hatte der Hund zugebissen.
Daraufhin rieten wir Sepp, sofort nach der Ankunft zuhause seinen Arzt aufzusuchen, um eine Tollwutprophylaxe durchzuführen. Alexis kam mit guten Nachrichten zurück.
Er hatte einen Einheimischen gefunden, der bereit war, uns und unser Gepäck mit seinem Lastwagen bis zu der Stelle zu transportieren, an der wir auf unseren Bus treffen würden. Allerdings müßten wir erst ein kurzes Stück laufen, da das erste Stück des Weges sehr steil und vom gestrigen Regen auch schlammig war. Für den Fall, daß es der Laster nicht schaffen würde, dort hochzukommen, hatte der Fahrer versprochen, ein Pferd zu holen, das unsere Rucksäcke trägt. In diesem Fall müßten wir aber den ganzen Weg zu Fuß gehen. Das Ganze kostete insgesamt 2000 Rubel, ein fairer Preis. Wir luden also unsere Rucksäcke auf den LKW, ein olivgrünes, allradgetriebenes Fahrzeug mit Pritsche, auf der sich links und rechts ausklappbare Sitzbänke befanden, offensichtlich ein alter Militärlaster aus Beständen der früheren Sowjetarmee (Bild 149) und hofften, daß er das erste Stück, an dem einige Stunden zuvor schon ein Kleinbus gescheitert war schaffen würde. Der Fahrer wollte noch eine Weile warten, bevor er losfuhr, damit der Weg noch etwas trocknen könne, in dieser Zeit führte uns Alexis zur Emmanuelwiese, einer von Butterblumen gelbgrüne, saftige Wiese, auf der die Erstbesteiger unter General Emmanuel ihr Basislager aufgeschlagen hatten. (Bild 145) Alexis erzählte uns dort, wie die Erstbesteigung des Elbrus ablief und etwas über die Anfänge des Bergsteigens im Kaukasus. Danach gingen wir „unserem“ Lastwagen den Weg voraus. Dieser Weg war wirklich in einem üblen Zustand. Er bestand aus weicher, schwarzer, feuchter Erde, mit vom Regen ausgewaschenen Gräben, die zum Teil über einen halben Meter tief waren. Dazu kam eine beachtliche Steigung. Irgendwann sahen wir ganz unten den LKW. Er kam langsam näher, wühlte sich mit teilweise durchdrehenden Rädern immer weiter hoch.
Mehrmals mußte er auf die Wiese nebenan ausweichen, da der Weg zu schlammig oder ausgespült war. Lange war unsicher, ob er es schaffen würde, aber schließlich klappte es doch. Wir setzten uns auf die Ladefläche, hinter unsere Rucksäcke und der Laster setzte sich in Bewegung. Es eröffnete sich uns ein sehr schönes Panorama über eine weite, baumlose Graslandschaft, bestehend aus Bergen und Tälern. Aber die Fahrt selbst war abenteuerlich. Es schüttelte und schaukelte, wie man es sich nicht vorstellen kann, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Hier durfte man nicht rückenkrank sein. Ich fragte mich ernsthaft, wie lange es wohl dauern würde, bis beim Ersten von uns die Seekrankheit ausbricht. Plötzlich stand das Fahrzeug und der Motor war ausgegangen.
Wir wurden nach Plastikflaschen gefragt. Der Fahrer und unsere Leute begannen nun Benzin, oder was immer für ein Treibstoff es war, ausgesehen hat es nach Diesel, gerochen nach Gas, aus dem Tank in die Flaschen zu schläucheln und weiter vorne wieder einzufüllen. Das Ganze wiederholte sich während dieser Fahrt noch zwei- oder dreimal und Alexis erzählte, daß der Fahrer sämtlichen, in Dschily-Su verfügbaren Treibstoff zusammengesammelt hatte, um die Fahrt zu ermöglichen. Trotzdem reichte es nicht, den Tank so weit zu füllen, daß keine Luft mehr in die Spritleitung kam. Daher mußte man den Sprit aus dem Tank herausholen und weiter vorne wieder einfüllen. Die nächste Spritlieferung für Dschily-Su wurde erst in zwei oder drei Tagen erwartet.
Unterwegs sahen wir einen säulenartigen Stein auf einem Felsvorsprung, eine Art Hinkelstein oder Menhir. Alexis erzählte, daß dieser Stein seit mindestens 700 Jahren hier stehe und wahrscheinlich ein Wegweiser der Seidenstraße, die auf mehreren Seitenwegen durch diese Gegend führte gewesen sei. Eine andere Version besagt, daß hier ein Volk lebte, dessen Häuptling die Tochter von sieben Banditen entführt wurde.
Die Krieger des Stammes verfolgten die Banditen und töteten einen nach dem anderen und befreiten so die Häuptlingstochter. Für jeden erlegten Banditen soll ein solcher Stein aufgestellt worden sein. Insgesamt gibt es sieben solcher Steine, alle stehen oder standen an markanten, gut sichtbaren Stellen.
Der Himmel hatte sich inzwischen wieder eingetrübt, und schließlich trafen wir kurz bevor es wieder zu regnen begann auf unseren Bus und luden gleich das Gepäck um.
Der Lastwagenfahrer bekam 25 Liter Sprit aus unserem Bus. Unsere Fahrt ging nun weiter durch eine immer noch baumlose grasbewachsene Berglandschaft, hin und wieder führte der Weg durch ein Tal mit Birkenwald. Da es in Strömen regnete, machten wir unsere Mittagspause in einem Erholungsheim für Kinder, wo wir einen Platz mit einem Tisch unter einem Blechdach zugewiesen bekamen. Es gab ein ausgezeichnetes Essen, bestehend aus Käse, Brot, frischen Kräutern, Hühnerfleisch, Wurst, Kartoffeln und dergleichen mehr. Dazu gab es Bier und einen hervorragenden Kräuterschnaps aus der Gegend. Während dem Essen kam es zu einem Wolkenbruch, wie man ihn nur selten erlebt. Es regnete in Strömen, dazu blitzte und donnerte es gelegentlich. Das Wasser kam sturzbachartig eine Treppe herunter, lief unter unserem Tisch hindurch und verschwand in einem Loch im Boden hinter uns. Nach dem Essen ging die Fahrt noch einige Stunden weiter, hin und wieder sah man nun ein Gehöft mit Kühen. Wir passierten einen Kontrollposten, kurze Zeit später hatten wir plötzlich – welch eine Wohltat – eine holperige, aber immerhin asphaltierte Straße unter den Rädern. Kurz darauf erreichten wir die Stadt Kisslowodsk, wo unser Fahrer nochmals Gas tankte und erst als es schon dunkel war, kamen wir in unserem Hotel in Pjatigorsk an, wo wir, nachdem wir unsere Zimmer bezogen hatten und das Gepäck versorgt war nach dem Abendessen und einer längst überfälligen Dusche endlich wieder in einem Bett schlafen konnten.
Da ich wohl eine größere Höhe gewöhnt war als die von Pjatigorsk, welches auf etwa 550 Metern liegt, empfand ich die Luft hier anfangs als unangenehm dick.
Am nächsten Tag war eigentlich eine Fahrt nach Kisslowodsk mit Stadtbesichtigung geplant, da aber einige unserer Leute sich erst einmal ausruhen wollten, wurde die Fahrt abgesagt, da sie sonst für die Anderen zu teuer geworden wäre. So hatten wir den Tag zur freien Verfügung und machten Einkäufe und Besorgungen in Pjatigorsk.
Am Nachmittag besichtigten Sepp, Susanne und ich eine Kirche, die vom Hotel aus zu sehen war. (Bilder 166 und 169) Da im Innern der Kirche einige Leute beteten, haben wir aus Rücksicht darauf dort nichts fotografiert. Am Abend waren unsere Bergführer von uns in einem Restaurant beim Hotel zu einem großen Abschlußessen eingeladen.
Es war großartig, gab ein tolles Essen mit mehreren Gängen und es wurde ein langer, toller Abend, der wohl allen in guter Erinnerung bleiben wird.
Für den folgenden Tag war eine Fahrt nach Dombai angesagt. Dombai liegt unmittelbar an der Grenze nach Georgien, etwa 60 Kilometer vom Elbrus entfernt und war zu Sowjetzeiten ein Urlaubs- und Erholungszentrum für die Parteielite. Auch die besten Bergsteiger des Landes kletterten dort.
Alexis hatte mehrere Jahre in Dombai gearbeitet. Der berühmteste Berg ist das „Dombaier Matterhorn“, ein Berg der dem Matterhorn zum Verwechseln ähnlich sieht, aber nicht ganz dessen Höhe und Größe erreicht. Dieser Berg, der auch oft auf Gemälden zu sehen ist hat eine Höhe von etwa 3900 Metern. (Bild 172) Wir fuhren mit mehreren Sesselliften auf rund 3000 Meter hoch, wo wir eine sehr schöne Aussicht auf die Umgebung hatten. Alexis konnte, da er durch seine frühere Arbeit die Gegend sehr gut kannte viel über dieses Gebiet erzählen. So ist diese herrliche Gebirgslandschaft seit 1929 Naturschutzgebiet, in dem seither nicht gejagt werden darf. Es gibt hier viele Tiere, wie Bären, Wölfe, diverse Greifvögel und einige mehr. Als wir wieder mit dem Sessellift nach unten fuhren, flog ein Adler mit riesiger Flügelspannweite sehr nahe an uns vorbei, und wir staunten nicht schlecht, als wir ein Kamel auf einer Bergwiese grasen sahen, das die Bergbewohner hier eingeschleppt hatten. Trotz aller Artenvielfalt gehören Kamele eindeutig nicht zu den hier einheimischen Tierarten.
Viele Berge wurden hier nach Schurken und Räubern benannt, da die Einheimischen früher glaubten, daß jedes Mal , wenn ein Name eines Schurken ausgesprochen wird, der betreffende Schurke in der Hölle vom Teufel ausgepeitscht würde. Der Ort Dombai selbst liegt unten im Tal, stellt aber keine besondere Sehenswürdigkeit dar. Bauruinen und Häuser, die nicht in die Landschaft passen sind nicht selten. Erst in neuerer Zeit werden wieder ausschließlich Häuser gebaut, gut in die Umgebung einfügen.
Interessant ist auch, daß hier, wie auch überall in der weiteren Umgebung häufig blaue Dachziegel verwendet werden, was aber nicht unbedingt schlecht aussieht. Es gibt eine Quelle mit eisen- und kohlensäurehaltigem Wasser, die aber zur Zeit nur tröpfelt. Man sah Alexis an, daß er wohl ziemlich frustriert darüber war, wie sich die Dinge in den letzten Jahren hier entwickelt hatten. Auf dem Rückweg machten wir Halt an einem Gebirgsbach, der als sauberster Fluß der Erde im Guinnesbuch der Rekorde steht oder zumindest stand. (Bild184) Man konnte dort bedenkenlos die Wasserflaschen auffüllen und trinken. Der nächste Tag war Freitag, unser Abreisetag. Früh am Morgen kamen unsere Bergführer Sergej und Schenja, bedankten sich für die Zeit am Elbrus, das gute Abschlußessen und überreichten jedem von uns zum Abschied zwei Flaschen von dem guten Kräuterschnaps, den es hier gibt. Sergej hatte seine 12 Jahre alte Tochter dabei, die sehr kräftig aussah und in der Schule fleißig Englisch lernte, so daß eine Verständigung gut möglich war. Wir empfahlen ihr, dies weiterhin zu tun. Danach verabschiedeten wir uns von den Dreien und fuhren zum Flughafen, wo es wieder zu etlichen (unnötigen) Zollformalitäten kam, dreimal wurden unsere Pässe kontrolliert, das Gepäck zweimal durchleuchtet und genau gewogen. Schließlich saßen wir aber alle im Flugzeug nach München, wo wir drei Stunden später landeten. Sepp wurde dort von jemandem abgeholt, weshalb er sich gleich von uns verabschieden mußte. Der Rest von uns fuhr mit der Straßenbahn zum Bahnhof, wo wir uns auch gleich von Susanne verabschieden mußten, da sie in eine andere Richtung fahren mußte. Auch von Hannelore verabschiedete ich mich, die mit Emil noch ein Würstchen essen ging. Emil und ich hatten den gleichen Zug, daher gingen wir beide davon aus, daß wir uns noch sehen würden. Leider habe ich Emil dann doch nicht mehr gesehen, möglicherweise ist er einen Zug später gefahren, ich hoffe aber, daß ich ihn im Herbst beim Nachtreffen sehen werde. Ich fuhr also mit dem Zug erst nach Stuttgart, dann nach Karlsruhe, wo ich in die S – Bahn umstieg, die mich in meine Heimatstadt brachte. Den letzten Kilometer ging ich zu Fuß, was trotz des schweren Gepäcks angesichts dem was wir am Elbrus geschafft hatten eine Leichtigkeit war. Endlich war ich wieder zu Hause und konnte meine liebe Frau Ella und meine beiden Kinder Tom und Max in die Arme schließen. Ich hatte ihnen viel zu erzählen.
Wenn ich nun die letzten beiden Wochen Revue passieren lasse, komme ich zu dem Ergebnis, daß es zwei sehr schöne Wochen waren, und daß es sich trotz aller Strapazen und des nicht immer guten Wetters gelohnt hat. Trotz daß wir alle Sorten Wetter, wie Sonne, Wolken, Regen, Schnee, Sturm und sogar ein leichtes Gewitter hatten würde ich die Reise sofort wieder buchen. Wir waren eine Gruppe, deren Mitglieder sich alle untereinander sehr gut verstanden hatten, jeder hat jedem geholfen, wenn es erforderlich war, alle hielten zusammen, wie es besser nicht sein konnte, ich habe nie erlebt, daß Streit oder Meinungsverschiedenheiten ausgetragen wurden, kurz gesagt, es war so, wie es eigentlich sein sollte. Ein weiterer positiver Aspekt war, daß es von Hannelores Höhenkrankheit einmal abgesehen keine Krankheiten gab. Alles Wasser war bedenkenlos trinkbar, egal, ob es aus einer Quelle oder einem Bach stammte, ob es geschmolzener Schnee war, oder in Pjatigorsk aus dem Wasserhahn kam. Nie hatte sich jemand eine Durchfallerkrankung oder etwas anderes dabei geholt. Auch benutzten gelegentlich mehrere Leute das gleiche Besteck oder den gleichen Teller, ohne daß sich jemand ekelte.
Zur Durchführung der Reise möchte ich sagen, daß ich mit Alexis (www.elbrus-reisen.de) eine sehr gute Wahl getroffen habe, aber Alexis ist soweit ich weiß ohnehin zumindest in Deutschland der einzige Veranstalter, der die Tour auf den Elbrus von Norden und damit mit fairen Mitteln anbietet. Alexis hat sich um jeden Teilnehmer gekümmert, wo es hilfreich war, er hat uns überall unterstützt, wo es nötig war, ist auf die Wünsche einzelner Teilnehmer eingegangen, und hat dadurch auch schwächeren Teilnehmern ermöglicht, den Gipfel zu erreichen.
Ich denke, daß diese Hilfsbereitschaft und Flexibilität auch viel zu seiner hohen Erfolgsquote am Elbrus beiträgt. Daß wir den Ostgipfel, und nicht den um 21 Meter höheren Westgipfel erstiegen haben, liegt daran, daß der östliche Gipfel von Norden viel besser erreichbar ist. Das heißt aber nicht, daß Alexis es ablehnen würde mit jemanden auf den Westgipfel zu gehen, wenn dieser Wunsch geäußert wird, er ist auch in diesem Punkt flexibel. Außerdem muß ich dazu sagen, daß ich auf die 21 Meter, die der Westgipfel höher ist gerne gepfiffen habe, da der Ostgipfel weniger überlaufen und damit schöner als der Westgipfel ist, so waren wir die ganze Zeit unter uns, während drüben auf dem Westgipfel ganze Scharen von Bergsteigern zu sehen waren. Da ich am Gipfel gemerkt habe, daß ich, wenn es nötig gewesen wäre, es auch noch 300 Meter höher geschafft hätte, muß ich den Westlichen Gipfel nicht unbedingt ausprobieren, und schließlich mache ich jeden Berg nur für mich selbst und muß damit niemandem etwas beweisen. Für mich ist die Tatsache, daß alle, die zum Gipfel aufgebrochen waren, diesen auch erreicht haben mehr wert, als der Westgipfel und zu guter Letzt ist der Ostgipfel der Gipfel, den der Erstbesteiger Killar Kaschirow am 10. Juli 1829 erreicht hat.
Man könnte diese Tour auch auf eigene Faust durchführen, doch dies wäre nur dann ratsam, wenn man die Möglichkeit der Anfahrt nach Dschily-Su und entsprechende Ortskenntnisse hat da die meisten Karten, wenn überhaupt erhältlich, doch recht ungenau sind oder einen viel zu großen Maßstab haben. Angemeldet werden muß diese Tour aber auf jeden Fall.
Was meine weiteren Bergziele betrifft, so will ich im August in die Schweiz gehen, dort habe ich Weissmies, Lagginhorn, Dom und einige andere Berge ins Auge gefaßt, so das Wetter mitspielt und ich einen Bergführer oder Seilgefährten für den Dom finde.
Auch im nächsten Familienurlaub im kommenden Frühsommer will ich, wenn möglich einen Berg besteigen, für den nächsten Sommer habe ich noch keine konkreten Pläne, aber der Belucha, ein Berg im Altaigebirge in Sibirien, der technisch nicht ganz einfach ist.






